Rezension: Ingrid Noll – Über Bord ****

Wie auch schon in Ingrid Nolls Romanen „Kalt ist der Abendhauch“ und „Ehrenwort„, geht es auch hier um eine verrückte Familiengeschichte, bei der jedes der Mitglieder eine Leiche im Keller oder eine Macke im Oberstübchen hat.

Zuerst wäre da der Drei-Generationen-Frauenhaushalt. Dieser besteht aus Oma Hildegard, ihrer Tochter Ellen, die seit der Scheidung von ihrem Mann, der eine Affäre mit der gemeinsamen Nichte hat, wieder zuhause wohnt und Enkelin Amalia, die sich in einer beruflichen Selbstfindungsphase befindet. Neben Ellen hat Hildegard noch vier weitere Kinder, bis eines Tages plötzlich der uneheliche Sohn von Hildegards verstorbenem Mann auftaucht. Da freut man sich als Leser doch über seine eigene (verhältnismäßig) normale Familie.

Nachdem man das neue Familienmitglied, Gerd und dessen Frau Ortrud, die ein kleines, großes Alkoholproblem hat, beschnuppert hat, laden diese Ellen und Amalia zu einer Kreuzfahrt ein. Auf den folgenden Seiten schippert das Kreuzfahrschiff dann in ruhigen Gewässern und die Handlung plätschert zwischen Seetagen und Landgängen vor sich hin. Doch Noll wäre nicht Noll, ohne einen Mord und weitere Familienüberraschungen.

Empfehlen kann ich den Roman jedem, der verrückte, fein gezeichnete Charaktere und seichte Unterhaltung ohne verwirrende Handlungsstränge mag.

Bildquelle: Diogenes Verlag AG

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Rezension: Ingrid Noll – Der Hahn ist tot ***

Rosemarie, Anfang 50, Versicherungsangestellte, ewiger Single, keine Kinder, ohne Hobbys, verliebt sich zum ersten Mal in ihrem Leben. Das ahnungslose Opfer ist Rainer Witold: Lehrer, beliebt, verheiratet, zwei Kinder und mit großem Freundeskreis. Sofort steigert sie sich in den Gedanken hinein, Witold ganz für sich allein zu haben. Dafür muss sie allerdings die ein oder andere Konkurrentin, inklusive seiner Ehefrau, aus dem Weg räumen. Wer Ingrid Nolls Romane kennt, weiß wie das aussieht: Die Handlung fließt friedlich vor sich hin und -zack- ist der Mord in einem Halbsatz passiert.

Vielleicht macht gerade das den Reiz aus. Rosemarie ist nämlich keine kaltblütige Mörderin, sondern nur eine einsame, wenn auch psychopathische Frau.

Der Hahn ist tot ist Ingrid Nolls Debütroman, in dem ihre verschrobenen Charaktere, der schwarze Humor und der unvergleichliche Zynismus bereits vorhanden sind. Es bleibt jedoch das Gefühl, sie übte noch für die nachfolgenden Werke. Denn im Vergleich zu Nolls Romanen „Kalt ist der Abendhauch„, „Ehrenwort“ und „Über Bord“ ist dieser hier nicht schlecht, bleibt aber doch ein bisschen farblos – wie Rosemarie.

Bildquelle: Diogenes Verlag AG