Rezension Jennifer Worth – Call the Midwife*****

Nachdem der Hype um die Serie nun schon eine ganze Weile verebbt ist, landete dieses Buch auch auf meinem Nachttisch.

Inspiriert wurde die Autorin, Jennifer Worth, geborene Lee, im Jahr 1998 von einen Artikel in der Zeitschrift „Midwives Journal“, der davon handelte, dass es keine Hebammen in der Literatur gibt. Dem wollte die Autorin Abhilfe schaffen und schrieb ihre Erinnerungen nieder, beginnend mit Ihrer Hebammenausbildung im London der 1950er Jahre. Damals lebte sie mit anderen Nonnen in einem Krankenhaus, dem Nonnatus House, und kümmerte sich um die Geburten der Familien im East End, dem heruntergekommensten Teil Londons.

Man erhält einen guten Einblick in das Gesundheitswesen der britischen Nachkriegszeit mit all seinen Krankheiten und Komplikationen, die unterhaltsam und einfach zu verstehen erklärt und geschickt mit den Lebensgeschichten der Patientinnen verknüpft werden. So entstanden lose aufeinander folgende Kapitel, die zum einen die Familien mit all ihrem Leid, schlimmsten hygienischen Verhältnissen, Geburtsmedizin – die noch in den Kinderschuhen steckte – mit sehr viel Herz thematisiert. Zum anderen sind da die humorvollen Anekdoten der Nonnen im Krankenhaus. Allen voran Schwester Monica Joan, mit der Jennifer Lee gleich am ersten Tag über den Kuchen herfällt, während die anderen Schwestern arbeiten und hungrig nach Hause kommen.

Auch wenn man die Serie nicht gesehen hat, entstehen beim Lesen sofort unzählige Bilder der vielen kleinen Begebenheiten. Perfekt für eine Serie also. Im Großen und Ganzen empfand ich das Buch dramatischer und erschreckender als die Serie. Man spürt, dass es die eigenen Erfahrungen der Autorin widerspiegelt. So kämpft sie sich beispielsweise nachts mit dem Fahrrad durch den dichten Londoner Nebel um zu einer ihrer Patientinnen zu gelangen und gewinnt durch ihren unermüdlichen Einsatz die Herzen der Menschen, die von der Gesellschaft verachtet und aufgegeben wurden. Dadurch macht der Roman die unfassbare Armut und beengten Lebensverhältnisse erlebbar, was die Serie nicht schafft oder schaffen möchte. In selbiger stand für mich die humorvolle Seite mehr im Vordergrund. Hilfreich war außerdem das Glossar am Ende des Buches.

Dieses Buch bildet übrigens den Auftakt der Trilogie:

Call the Midwife
Shadows of the Workhouse
Farewell to The East End

 

Bildquelle: The Orion Publishing Group

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Billie Letts – Where the Heart is *****

Where the Heart is oder auf deutsch Wo dein Herz schlägt war wohl die älteste meiner SuB-Leichen. Vor etwa 15 Jahren habe ich dieses Buch auf einem amerikanischen Flohmarkt erstanden. Warum ich es ungelesen quer über den Atlantik und danach von Wohnung zu Wohnung bei jedem Umzug mitgenommen habe, ist mir ein Rätsel. Wahrscheinlich hat das schreckliche Filmcover seinen Teil dazu beigetragen. Das würde auch erklären warum sich John Irvings The Cider House Rules mit einem Foto von Tobey Maguire auf dem Cover ebenfalls noch auf meinem SuB befindet. Schade, dass einen ein seltsames Cover so abschreckt ein so großartiges Buch zu lesen. Da ich das Buch inzwischen verschenkt habe, ist hier das DVD-Cover abgebildet, das dem Buchcover sehr nahe kommt.

Mir fällt kein vergleichbares Buch ein, das mich mit einem ähnlich guten Gefühl zurückgelassen hat. Dabei deutete der Anfang des Buches gar nicht darauf hin. Die hochschwangere 17jährige Novalee wird von ihrem Freund und Kindesvater mit nur 7,77 Dollar in der Tasche in einem Wal-Mart fern von der Heimat zurückgelassen. Vollkommen auf sich allein gestellt lässt sie sich jeden Abend zum Übernachten dort einschließen. Über Nacht erlangt sie durch die Geburt ihrer Tochter Americus Nation im Supermarkt Berühmtheit. Sie bekommt ein Jobangebot, kann bei einer Freundin wohnen und erfährt zum ersten Mal Liebe und Zuwendung von Fremden, die zu Freunden werden. Auch mein Herz hat Novalee im Sturm erobert. Trotz aller negativen Erfahrungen hat sie immer das Positive gesehen, hat sich neue Ziele gesteckt, sich über die kleinen Dinge im Leben gefreut und ist an ihrem Schicksal gewachsen. Eines der wenigen Bücher, die man in jeder Lebenssituation lesen kann.

Bildquelle: Amazon.com