Rezension: Margaret Atwood – Der Report der Magd ***

Diese Dystopie aus dem Jahr 1985, die kürzlich durch die Ausstrahlung der Serie, nochmals einen Schub an Berühmtheit erlangt hat, spielt im Jahr 2195 im ehemaligen Amerika. Nachdem die Verfassung außer Kraft gesetzt wurde, herrscht totale Überwachung. Eine nukleare Katastrophe hat außerdem dazu geführt, dass die Menschheit weitgehend unfruchtbar und damit vom Aussterben bedroht ist. Deshalb werden die Verbliebenen in Gruppen aufgeteilt. Die wichtigsten Gruppen sind: die ranghohen Kommandanten, deren Ehefrauen und die wenigen noch fruchtbaren Mägde, die vollkommen entrechtet und nur auf ihre Fruchtbarkeit reduziert werden. Besonders deutlich wird das an der seltsamen Namensgebung der Hauptprotagonistin: Desfred (im englischen Original Offred). Wobei Fred der Kommandant ist, dem sie zugeteilt wurde. Wie es dazu kam und wie Desfreds vorheriges Leben aussah, erfährt man nur häppchenweise.

Oft weiß man gar nicht, ob gerade aktuelle Ereignisse beschrieben werden oder ob es sich um einen Rückblick oder die eigenen Gedanken der Protagonistin handelt. Überhaupt ist das Buch von einer sehr nüchternen Erzählweise geprägt. Prinzipiell kann das ein sehr interessantes stilistisches Mittel sein, wie zum Beispiel im Roman Die Wand von Marlen Haushofer wunderbar umgesetzt. Hier war es mir allerdings zu nüchtern. Desfred hat einfach resigniert, obwohl der Systemumsturz nur ein paar Jahre her zu sein scheint. Warum ist sie so abgestumpft? Man hat ihr Mann und Tochter genommen, sie aller Rechte beraubt und sie wird gezwungen, Nachkommen mit dem Kommandanten zu zeugen. Gab es da keine Entwicklungsphasen aus Trauer, Wut, Auflehnung und dann schließlich Resignation?

Auch die Monotonie, erzeugt durch ewig lange Beschreibungen, wie beispielsweise der Gardine, die sich mal bewegt, mal nicht bewegt oder Blicke aus dem Fenster oder an die Decke. Das ist durchaus berechtigt und wichtig für das Buch, aber doch bitte nicht auf 416 Seiten.

Interessant dargestellt wurde, dass scheinbar alle Beteiligten unglücklich in diesem System sind und es kein eindeutiges Gut und Böse zu geben scheint. Der Kommandant ist sehr nett zu ihr, spielt mit ihr Scrabble, versorgt sie mit verbotenen Luxusgütern, doch die Ehefrau wird gezwungen, bei der für alle entwürdigenden Befruchtungszeremonie anwesend zu sein. Im Erfolgsfall muss sie das Kind der Magd großziehen, ob sie will oder nicht.

Wie bei Dystopien üblich, ist auch hier das Erschreckende, dass es alle beschriebenen Grausamkeiten tatsächlich in der Welt gibt oder gab: öffentliche Hinrichtung, Frauen die weniger wert sind als der Mann, Überwachung und Zensur.

Schade, dass die ereignislose Monotonie und der Erzählstil mir etwas den Lesegenuss genommen haben.

Bildquelle: Piper Verlag GmbH

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Rezension Jennifer Worth – Call the Midwife*****

Nachdem der Hype um die Serie nun schon eine ganze Weile verebbt ist, landete dieses Buch auch auf meinem Nachttisch.

Inspiriert wurde die Autorin, Jennifer Worth, geborene Lee, im Jahr 1998 von einen Artikel in der Zeitschrift „Midwives Journal“, der davon handelte, dass es keine Hebammen in der Literatur gibt. Dem wollte die Autorin Abhilfe schaffen und schrieb ihre Erinnerungen nieder, beginnend mit Ihrer Hebammenausbildung im London der 1950er Jahre. Damals lebte sie mit anderen Nonnen in einem Krankenhaus, dem Nonnatus House, und kümmerte sich um die Geburten der Familien im East End, dem heruntergekommensten Teil Londons.

Man erhält einen guten Einblick in das Gesundheitswesen der britischen Nachkriegszeit mit all seinen Krankheiten und Komplikationen, die unterhaltsam und einfach zu verstehen erklärt und geschickt mit den Lebensgeschichten der Patientinnen verknüpft werden. So entstanden lose aufeinander folgende Kapitel, die zum einen die Familien mit all ihrem Leid, schlimmsten hygienischen Verhältnissen, Geburtsmedizin – die noch in den Kinderschuhen steckte – mit sehr viel Herz thematisiert. Zum anderen sind da die humorvollen Anekdoten der Nonnen im Krankenhaus. Allen voran Schwester Monica Joan, mit der Jennifer Lee gleich am ersten Tag über den Kuchen herfällt, während die anderen Schwestern arbeiten und hungrig nach Hause kommen.

Auch wenn man die Serie nicht gesehen hat, entstehen beim Lesen sofort unzählige Bilder der vielen kleinen Begebenheiten. Perfekt für eine Serie also. Im Großen und Ganzen empfand ich das Buch dramatischer und erschreckender als die Serie. Man spürt, dass es die eigenen Erfahrungen der Autorin widerspiegelt. So kämpft sie sich beispielsweise nachts mit dem Fahrrad durch den dichten Londoner Nebel um zu einer ihrer Patientinnen zu gelangen und gewinnt durch ihren unermüdlichen Einsatz die Herzen der Menschen, die von der Gesellschaft verachtet und aufgegeben wurden. Dadurch macht der Roman die unfassbare Armut und beengten Lebensverhältnisse erlebbar, was die Serie nicht schafft oder schaffen möchte. In selbiger stand für mich die humorvolle Seite mehr im Vordergrund. Hilfreich war außerdem das Glossar am Ende des Buches.

Dieses Buch bildet übrigens den Auftakt der Trilogie:

Call the Midwife
Shadows of the Workhouse
Farewell to The East End

 

Bildquelle: The Orion Publishing Group

Rezension: Lauren Oliver – Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie **

Samantha hat eigentlich alles was sich ein Teenager wünscht: Sie ist nicht auf den Kopf gefallen, sie sieht gut aus, ist Teil einer angesagten Mädchenclique und ihr Freund ist einer der begehrtesten Typen der Schule. Doch kurz vorm Valentinstag ist alles vorbei. Sie stirbt nach einer Party bei einem Autounfall. Am nächsten Morgen erwacht sie in einer Zeitschleife und erlebt den gleichen Tag nochmal und nochmal und nochmal…

Schon nach den ersten Seiten gingen mir Samantha, Ally, Elody und Lindsay einfach nur auf den Wecker. Von Freundschaft, die in jedem Absatz mindesten einmal betont wird, war in ihrem Verhalten nichts zu merken, stattdessen verbindet sie das Fertigmachen anderer Mitschüler und die Fragen wer am Valentinstag wie viele Rosen bekommt und wer wen in der Mittagspause mit Pommes bewirft. Das mag zwar in ihrem Alter eine große Rolle spielen, das Ganze aber so ausführlich auf 448 Seiten zu lesen interessiert wahrscheinlich niemanden.

Nachdem Samantha die ersten beiden Tage durchlebt hatte, erwartete ich vom Rest des Romans, dass sich meine eigene Egal-Haltung was ihren Tod angeht komplett ändert. Ich hatte gehofft, dass sich die Protagonistin verändert, jeden Tag anders gestaltet, ich sie besser kennenlerne und am Ende zutiefst traurig bin, wenn sie stirbt oder froh bin, wenn sie es verhindern kann. Leider ist das der Autorin nicht gelungen. Ich war einfach nur froh, dass das Buch zu Ende ging.

Ein kleiner Lichtblick war der angenehme Schreibstil, aber auch das wurde durch zwei peinliche Das(s)-Fehler und die ständigen Kursivtexte zunichte gemacht. Warum? Zur Betonung? Für wie dumm hält man die Leser?

Bildquelle: CARLSEN Verlag GmbH

Rezension: Ann Brashares – Eine für vier ****

Als ich ganz begeistert den Roman Unser letzter Sommer von Ann Brashares las, war ich gespannt welche weiteren Bücher von der Autorin stammen. Überrascht hat mich, dass sie die Mädchenbuchreihe Eine für vier (The Sisterhood of the Traveling Pants) geschrieben hatte. Den Film mit Alexis Bledel und Blake Lively hatte ich gefühlt schon 1000 Mal gesehen, doch das Buch stand seit Jahren ungelesen in meinem Bücherregal. Wahrscheinlich haben mich der deutsche Titel und die grauenhafte Jeans auf dem Cover bisher abgehalten. Also nichts wie ran.

Der erste Satz des Prologs lautete: „Es war einmal eine Hose“. Na das konnte ja heiter werden… Auch die grauenhafte Übersetzung typisch amerikanischer Redewendungen machte es nicht besser. Erst mit dem Wechsel der Erzählperspektive ab dem ersten Kapitel wurde es besser. Die Geschichten um die vier Mädchen, die zum ersten Mal den Sommer getrennt von einander verbringen sollten, entsponnen sich sehr schnell. Bridget, fährt in ein Fußballcamp und verliebt sich Hals über Kopf in einen Betreuer. Carmen hatte sich die Ferien mit ihrem Vater anders vorgestellt. Statt gemeinsame Zeit nachzuholen, präsentiert er ihr seine neue Vorzeigefamilie und sie fühlt sich ausgeschlossen. Lena verbringt die Zeit bei ihren Großeltern in Griechenland und verdreht Kostos den Kopf. Nur Tibby bleibt zu Hause und lernt ein Mädchen im Supermarkt kennen, das durch ihr Schicksal Tibbys Blick auf die Welt geraderückt.

Auch wenn ich beim Lesen die Schauspieler und Filmszenen vor Augen hatte, gefiel mir das Buch sehr gut. Es handelt von typischen Mädchenproblemen wie erste Küsse, Scheidung der Eltern und hält doch auch für erwachsene Mädchen ein paar Lebensweisheiten bereit.

Bildquelle: Verlagsgruppe Random House GmbH

Rezension: Dashiell Hammett – Der Malteser Falke ***

Als mir eine Freundin ganz begeistert von der Berliner Krimibuchhandlung HAMMETT – benannt nach dem US-amerikanischen Kriminalautor Dashiell Hammett – erzählte, wollte ich wissen, ob die Huldigung berechtigt ist und las eines seiner berühmtesten Bücher „Der Malteser Falke“.

Wie bei Krimis üblich, kann man die Handlung ganz kurz zusammenfassen: Der Privatdetektiv Sam Spade wird von der attraktiven Klientin Brigid engagiert, da diese Angst vor einem Mann namens Floyd Thursby hat. Kurz darauf wird nicht nur Spades Partner, sondern auch Thursby tot aufgefunden. Als Spade der Sache auf den Grund geht, kommt er auf die Spur einer wertvollen Skulptur, dem Malteser Falken, hinter der einige Leute her sind.

Was sich nach einer spannenden Suche nach dem Vogel und detektivischer Mordermittlung anhört, verlor sich in sich ständig wiederholenden Beschreibungen. Gefühlt besteht der Text zur Hälfte aus Adjektiven, die detailliert die Mimik der Charaktere, wechselnde Augen- und Gesichtsfarben, Nacken, Schläfen, bis hin zu den Füßen beschreiben. Wie von einem Werk aus den 1930ern zu erwarten, fließt der Alkohol in Strömen und es wird geraucht, was das Zeug hält. Auch das Klischee des machohaften Detektivs, der mit jeder Frau ins Bett steigt, wird bedient.

Gefallen hat mir, dass es kein klassisches Gut und Böse gibt. Keiner der Beteiligten lässt sich in die Karten schauen und versucht seinen Vorteil herauszuschlagen. Süß fand ich, dass trotz aller Morde und der korrupten Protagonisten, die Worte leck mich am Arsch umschrieben wurden mit: „vier kurze, einsilbige Worte, deren letztes mit A anfing“.

Spannung kam bei mir leider gar nicht auf, was nicht nur an den häufigen Beschreibungen, sondern auch an den Kapitelüberschriften lag, die die Handlung oft vorweg nahmen.

Einen Besuch werde ich der Buchhandlung dennoch abstatten. Auch wenn Dashiell Hammett und ich wohl keine Freunde werden, hoffe ich auf eine gute Krimiauswahl.

Bildquelle: Diogenes Verlag AG

Rezension: Ingrid Noll – Kalt ist der Abendhauch ****

Auch wenn der Titel vielleicht etwas anderes vermuten lässt, handelt es sich hierbei um eine sehr skurrile und witzige Familiengeschichte. Erzählt wird diese von der 83-jährigen Charlotte, die allein mit ihrer Schaufensterpuppe Hulda lebt. Kurz bevor Charlottes große Liebe, Hugo – der obendrein der Ehemann ihrer Schwester ist – nach vielen Jahren zu Besuch kommt, schwelgt sie in lustigen aber auch traurigen Erinnerungen. Dabei kommt nicht nur eine Leiche im Keller zum Vorschein, sondern auch Kriegserlebnisse, Verluste, Eifersucht und das unberechenbare Timing der Liebe.

Charlotte mit ihrer unkonventionellen Art muss man einfach lieben. Dabei ist sie gleichzeitig unglaublich weise und berichtet schonungslos über das Älterwerden. Dass sie es (noch immer) faustdick hinter den Ohren hat, wird in unzähligen Anekdoten auf gerade mal 246 Seiten erzählt. Dabei wechseln geschickt die Gesprächspartner und so verknüpfen sich Vergangenheit und Gegenwart.

Den fünften Stern auf meiner Bewertungsskala habe ich nur nicht vergeben, um für ihre weiteren Werke, die ich alle noch lesen möchte, etwas Luft nach oben zu haben. Ich bin gespannt, wie Nolls andere Heldinnen ihre Männer beseitigen. Denn soviel sei schon mal gesagt: das ist das zentrale Thema der Autorin.

Auch die Verfilmung mit August Diehl und Fritzi Haberlandt kann ich nur wärmstens empfehlen.

Bildquelle: Diogenes Verlag AG

Ein Wochenende voller Anna Kareninas

Weil ich Leo Tolstois Anna Karenina liebe und immer wieder gern lese, habe ich mir an einem kalten, verregneten Wochenende vier Verfilmungen davon angeschaut. Das macht knapp 8 Stunden voller Liebe, Leidenschaft, Eifersucht und Dramatik in der russischen Adelsgesellschaft des 19. Jahrhunderts.

Die Älteste stammt aus dem Jahr 1935 mit Greta Garbo in Schwarz-Weiß. Es gibt viel russischen Gesang, was dem Film zum einen den passenden Schwermut verleiht, zum anderen spiegelt es die oberflächliche Freude der Oberschicht wider. Leidenschaft zwischen den Liebenden sucht man – der Zeit angemessen – vergeblich. Alles wird sehr subtil dargestellt. Auch die im Roman vorkommenden Nebenhandlungsstränge wurden auf ein Minimum reduziert.

In der zweiten Version von 1948 mit Vivian Leigh geht da schon eher die Post ab. Gleich in der Anfangsszene, als Anna Vronsky das erste Mal am Bahnhof sieht, knistert es zwischen den beiden. Als es zwischen ihnen schließlich zur Affäre kommt, versucht Anna gar nicht erst gegen ihre Gefühle anzukämpfen. Die Liebe zu ihrem Sohn hingegen scheint hier eine untergeordnete Rolle zu spielen. Kitty und Lewin, deren Geschichte ich in der Garbo-Version vermisst habe, sind hier wunderbar sympathisch und bilden ein süßes Paar.

Ein paar Jahrzehnte später, im Jahr 1997, kam die Verfilmung mit Sophie Marceau heraus. Hier mochte ich sofort die Detailverliebtheit. So werden zum Beispiel beim ersten Lesen der Bücher die Seiten aufgeschnitten. Auch emotional geht der Film aufs Ganze. Anne versucht ehrhaft und ihrem Mann treu zu sein. Als sie schließlich von Vronsky schwanger ist und dieser verlangt, dass sie sich von ihrem Mann trennt, befürchtet sie ihren Sohn Aljoscha nie wieder zu sehen und erleidet eine Fehlgeburt. So muss Anna die bittere Erfahrung machen, dass sie als Frau von nun an von der Gesellschaft ausgeschlossen wird. Ihr Bruder hingegen, der seine Frau ebenfalls betrog, erhält Absolution. Vronskys Mutter bringt es auf den Punkt: „Eine Affäre innerhalb der höchsten Kreise verleiht einem brillanten, jungen Mann den letzten Schliff.“

Die wohl eigensinnigste Verfilmung ist die aus dem Jahr 2012 mit Keira Knightley. Diese erinnert sehr an ein Theaterstück, bei dem das häufig wechselnde Bühnenbild und die Kostüme die Hauptrolle zu spielen scheinen. Das nimmt dem Ganzen leider etwas den ursprünglich ernsthaften Charakter. Schließlich geht es um den Untergang einer Frau, die ihren Gefühlen nachgab.

Insgesamt gibt es laut Wikipedia im Moment 13 Verfilmungen. Mein klarer Favorit ist die mit Sophie Marceau. Welche mögt ihr am liebsten?