Rezension: Elizabeth von Arnim – Die Reisegesellschaft ****

Dieses Buch aus dem Jahr 1909 ist ein fiktionaler Reisebericht aus Sicht des Barons Otto von Ottringel. Dieser möchte zu Ehren seiner Silberhochzeit (zwanzig Jahre mit seiner ersten Frau, fünf Jahre mit der zweiten Frau) eine Reise machen. Da Ottringel für eine standesgemäße Reise zu geizig ist, schließt sich das Ehepaar einer bunt zusammengewürfelten Gruppe an, die einen Monat mit Pferd und Wohnwagen durch Südengland zieht. Während sich alle trotz schlechten Wetters und aller Beschwerlichkeit, die solch eine Tour Anfang des 20. Jahrhunderts mit sich bringt, amüsieren, eckt der Selbstherrliche bei jeder sich bietenden Gelegenheit an. Neben seiner sonst so gehorsamen Frau, die während des Urlaubs langsam aufblüht, versucht er seine Mitreisenden zu erziehen und von seiner Sicht auf die Welt zu überzeugen. Die Ähnlichkeiten zwischen Ottringel und Elizabeth von Arnims Ex-Mann, einem preußischen Grafen, scheinen nicht ganz zufällig 🙂 und auch wenn das Buch schon mehr als 100 Jahre alt ist, hat es nichts an Aktualität verloren. Unangenehme Zeitgenossen wie Ottringel wird es wohl leider immer geben.

Mindestens genauso unterhaltsam – aber statt ironisch bissig eher locker und leicht – ist von Arnims Bestseller Verzauberter April.

 

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Ein Wochenende voller Anna Kareninas

Weil ich Leo Tolstois Anna Karenina liebe und immer wieder gern lese, habe ich mir an einem kalten, verregneten Wochenende vier Verfilmungen davon angeschaut. Das macht knapp 8 Stunden voller Liebe, Leidenschaft, Eifersucht und Dramatik in der russischen Adelsgesellschaft des 19. Jahrhunderts.

Die Älteste stammt aus dem Jahr 1935 mit Greta Garbo in Schwarz-Weiß. Es gibt viel russischen Gesang, was dem Film zum einen den passenden Schwermut verleiht, zum anderen spiegelt es die oberflächliche Freude der Oberschicht wider. Leidenschaft zwischen den Liebenden sucht man – der Zeit angemessen – vergeblich. Alles wird sehr subtil dargestellt. Auch die im Roman vorkommenden Nebenhandlungsstränge wurden auf ein Minimum reduziert.

In der zweiten Version von 1948 mit Vivian Leigh geht da schon eher die Post ab. Gleich in der Anfangsszene, als Anna Vronsky das erste Mal am Bahnhof sieht, knistert es zwischen den beiden. Als es zwischen ihnen schließlich zur Affäre kommt, versucht Anna gar nicht erst gegen ihre Gefühle anzukämpfen. Die Liebe zu ihrem Sohn hingegen scheint hier eine untergeordnete Rolle zu spielen. Kitty und Lewin, deren Geschichte ich in der Garbo-Version vermisst habe, sind hier wunderbar sympathisch und bilden ein süßes Paar.

Ein paar Jahrzehnte später, im Jahr 1997, kam die Verfilmung mit Sophie Marceau heraus. Hier mochte ich sofort die Detailverliebtheit. So werden zum Beispiel beim ersten Lesen der Bücher die Seiten aufgeschnitten. Auch emotional geht der Film aufs Ganze. Anne versucht ehrhaft und ihrem Mann treu zu sein. Als sie schließlich von Vronsky schwanger ist und dieser verlangt, dass sie sich von ihrem Mann trennt, befürchtet sie ihren Sohn Aljoscha nie wieder zu sehen und erleidet eine Fehlgeburt. So muss Anna die bittere Erfahrung machen, dass sie als Frau von nun an von der Gesellschaft ausgeschlossen wird. Ihr Bruder hingegen, der seine Frau ebenfalls betrog, erhält Absolution. Vronskys Mutter bringt es auf den Punkt: „Eine Affäre innerhalb der höchsten Kreise verleiht einem brillanten, jungen Mann den letzten Schliff.“

Die wohl eigensinnigste Verfilmung ist die aus dem Jahr 2012 mit Keira Knightley. Diese erinnert sehr an ein Theaterstück, bei dem das häufig wechselnde Bühnenbild und die Kostüme die Hauptrolle zu spielen scheinen. Das nimmt dem Ganzen leider etwas den ursprünglich ernsthaften Charakter. Schließlich geht es um den Untergang einer Frau, die ihren Gefühlen nachgab.

Insgesamt gibt es laut Wikipedia im Moment 13 Verfilmungen. Mein klarer Favorit ist die mit Sophie Marceau. Welche mögt ihr am liebsten?

Klassiker: Thomas Mann – Tristan

Bis jetzt habe ich nur wenige Novellen gelesen. Ich war immer der Meinung, dass mir durch die Kürze des Textes, die enge Beziehung zu den Charakteren fehlt. Da kam mir eine Lesegruppe gerade recht. Gemeinsames Lesen und der Austausch motiviert vielleicht. Per Zufallsgenerator wurde Tristan von Thomas Mann ausgelost.

Die Erzählung aus dem Jahr 1903 spielt in Einfried, einem Sanatorium. Zu den Patienten gehören die Ehefrau des Großkaufmanns Klöterjahn, die an einer Erkankung der Luftröhre leidet, die Magistratsrätin Spatz sowie Detlev Spinell, ein mehr oder weniger erfolgloser Schriftsteller, der kerngesund seine Zeit im Sanatorium verbringt. Wie sich die Geschehnisse in der Heilanstalt bis hin zum großen Schlagabtausch zuspitzen, möchte ich der Spannung wegen nicht verraten. Nur so viel: Verbal wird einiges geboten, über das ich mich köstlich amüsiert habe. Einerseits hat es mich sehr überrascht, andererseits ließen es die humorvolle Namensgebung der Personen und die bissig ironischen Charakterisierungen schon erahnen. Beindruckt vom Schauplatz Sanatorium, bin ich nun gespannt auf Manns Roman „Der Zauberberg“, der in einer ähnlichen Umgebung spielt.

Bildquelle: H.-P.Haack», CC BY-SA 3.0

Rezension: Agatha Christie – Mord im Orientexpress ****

Während der vergangenen heißen Tage genoß ich eine großartige Abkühlung – eine Literarische. Der Orientexpress, mit dem belgischen Detektiv Hercule Poirot an Bord, unterwegs von Istanbul nach London, bleibt in einer Schneewehe stecken. Es geht weder vor noch zurück, der Telegraf funktioniert nicht, und der Zug mit seinen Passagieren ist von der Außenwelt abgeschnitten. Als eines Nachts auch noch ein amerikanischer Fahrgast ermordet wird, wird schnell klar: der Mörder befindet sich unter ihnen. Also fängt Poirot an zu ermitteln.

Ich mag Krimis, die sich auf wenige Handlungsstränge beschränken und ohne viel Theater um den Ermittler auskommen. Hier steht allein die Detektivarbeit im Vordergrund. Dieser widmet sich Poirot auf amüsante Weise. Er befragt die Passagiere einen nach dem anderen und rät munter drauf los.

Da es, wie von vielen Christie-Romanen, auch hiervon eine Verfilmung gibt habe ich mir die aus dem Jahr 1974 angeschaut. Trotz der 6 Oscar-Nominierungen war ich ziemlich enttäuscht. Zum einen ist die deutsche Filmversion sprachlich um einiges schlechter als der deutsche Roman. Zum anderen gefiel mir weder der Aufbau des Films noch die – meiner Meinung nach – unnötigen Änderungen. So wurden z.B. die Namen von Fahrgästen geändert oder der rote Kimono, ein Beweisstück, wurde zum Weißen. Auch Poirot verlor etwas an Witz. Wenigstens weiß ich jetzt wie man seinen Namen ausspricht.

Rezension: Irène Némirovsky – Der Ball ****

Wie die Mutter, so die Tochter. Anders kann man die Beziehung der beiden Hauptprotagonistinnen nicht beschreiben.

Nachdem das Ehepaar Kampf durch Börsenspekulationen zu unerwartetem Reichtum gelangt ist, verspricht es sich, durch einen Ball, den es veranstalten will, auch den lang ersehnten gesellschaftlichen Aufstieg. Zweihundert Personen von Rang und Namen sind eingeladen. Nur die vierzehnjährige Tochter Anntoinette ist dabei im Weg. Besonders die Mutter fürchtet die Konkurenz durch ihre Tochter, und verweist sie für diesen Abend in die Rumpelkammer.

Die Erzählung hat nur knapp 90 Seiten, aber vielleicht macht gerade diese reduzierte Knappheit die Kälte und Demütigung der Mutter spürbar. So überrascht es auch nicht, dass Anntoinette auf Rache sinnt und dafür sorgt, dass der Abend zum Disaster wird, und den Aufstieg der Familie in die höhere Gesellschaft verhindert.

Auch wenn man in kurzen Erzählungen die Charaktere nicht näher kennenlernt, bleibt hier besonders der Hass und die Verachtung füreinander im Gedächtnis hängen.

Rezension: Jane Austen – Stolz und Vorurteil *****

Wenn ich darüber nachdenke, welche Bücher ich vor 10-15 Jahre gelesen habe, die mich auch heute noch begeistern, fallen mir da nicht wirklich viele ein. Umso mehr bin ich von Stolz und Vorurteil (Pride and Prejudice) beeindruckt, das inzwischen mehr als 200 Jahre alt ist. Jane Austen schafft es mühelos einen in die Welt des endenden 18. Jahrhunderts zu entführen. In eine Zeit, in der es für Frauen oft nur einen Weg gab, ein freies und finanziell abgesichertes Leben zu führen: die Ehe mit einem wohlhabenden Mann. Deshalb müssen die fünf Töchter der Familie Bennet schnellstmöglich unter die Haube gebracht werden. Als auf dem nahegelegenen Anwesen der Junggeselle, Mr. Bingley, einzieht und sich auch noch für die älteste Tochter, Jane, interessiert, scheint das Glück zum Greifen nah. Doch sein bester Freund, Mr. Darcy, ist gegen diese Beziehung und so entspinnt sich ein Netz aus Vorurteilen, Intrigen und  verletztem Stolz, in das auch die zweitälteste Tochter, Elisabeth, hineingezogen wird. Die verliebt sich nämlich in den anfänglich arrogant wirkenden Mr. Darcy.

Es ist ein wohl offenes Geheimnis, dass es in Jane Austens Romanen immer ein Happy End gibt. Daher finden am Ende auch diese beiden Paare zueinander. Doch der Roman ist so viel mehr als ein Liebesroman. Er sprüht vor Witz und Ironie und nimmt mit den überspitzt dargestellten Charakteren die Gesellschaft aufs Korn. Allein die witzigen und zum Teil bissig ironischen Dialoge machen das Lesen lohnenswert.

Kurze Zeit später habe ich mir die Verfilmung aus dem Jahr 2005 mit Keira Knightley angesehen. Mein persönliches Highlight dabei war Judi Dench als Lady Catherine. Enttäuscht war ich allerdings von Simon Woods als Mr. Bingley. Ihn habe ich mir beim Lesen viel männlicher vorgestellt. Natürlich kann man in einem zweistündigen Film nicht den kompletten Roman unterbringen und doch hätte ich mir etwas weniger Hollywood-Romantik und etwas mehr ironische Gesellschaftsdarstellung erhofft.

Bildquelle: Verlagsgruppe Random House GmbH

Rezension: F. Scott Fitzgerald – Die Straße der Pfirsiche *****

1.900 km in einem klapprigen Auto – nur um ein paar Biscuits und Pfirsiche zu essen – das nenne ich mal spontan. Weil  Scotts Ehefrau Zelda Lust darauf hatte, packten beide in Westport, Connecticut ihre Sachen und machten sich auf die abenteuerliche Reise nach Montgomery, Alabama: Zeldas Heimat. Das wohl berühmteste Jet-Set-Paar der wilden Zwanziger Jahre, Francis Scott Fitzgerald und seine Ehefrau, übernachtete auf seinem Roadtrip in noblen Hotels, wurde beinahe Opfer eines Überfalls, bestach einen Polizeibeamten und verbrachte fast genauso viel Zeit in Autowerkstätten wie auf der Straße. Deshalb lautet auch der viel passendere Originaltitel dieser Kurzgeschichte „The Cruise of the Rolling Junk“, wie beide ihr mehr als betagtes Auto nannten.

Mit seinen 89 Seiten ist dieses Buch nicht nur kurz, sondern auch kurzweilig und macht Lust auf spontane Reisen, aufregende Abenteuer und weist uns gleichzeitig augenzwinkernd darauf hin, kleine Missgeschicke positiv zu sehen, und das Leben nicht allzu ernst zu nehmen.

Bildquelle: Aufbau Verlag