Rezension: Ingrid Noll – Über Bord ****

Wie auch schon in Ingrid Nolls Romanen „Kalt ist der Abendhauch“ und „Ehrenwort„, geht es auch hier um eine verrückte Familiengeschichte, bei der jedes der Mitglieder eine Leiche im Keller oder eine Macke im Oberstübchen hat.

Zuerst wäre da der Drei-Generationen-Frauenhaushalt. Dieser besteht aus Oma Hildegard, ihrer Tochter Ellen, die seit der Scheidung von ihrem Mann, der eine Affäre mit der gemeinsamen Nichte hat, wieder zuhause wohnt und Enkelin Amalia, die sich in einer beruflichen Selbstfindungsphase befindet. Neben Ellen hat Hildegard noch vier weitere Kinder, bis eines Tages plötzlich der uneheliche Sohn von Hildegards verstorbenem Mann auftaucht. Da freut man sich als Leser doch über seine eigene (verhältnismäßig) normale Familie.

Nachdem man das neue Familienmitglied, Gerd und dessen Frau Ortrud, die ein kleines, großes Alkoholproblem hat, beschnuppert hat, laden diese Ellen und Amalia zu einer Kreuzfahrt ein. Auf den folgenden Seiten schippert das Kreuzfahrschiff dann in ruhigen Gewässern und die Handlung plätschert zwischen Seetagen und Landgängen vor sich hin. Doch Noll wäre nicht Noll, ohne einen Mord und weitere Familienüberraschungen.

Empfehlen kann ich den Roman jedem, der verrückte, fein gezeichnete Charaktere und seichte Unterhaltung ohne verwirrende Handlungsstränge mag.

Bildquelle: Diogenes Verlag AG

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Rezension: Sarah Schill – Anständig leben *****

Alles begann aus Langeweile, als Sarah Schill im Internet ihren ökologischen Fußabdruck berechnete. Das erschreckende Ergebnis: würde jeder so leben wie sie, wären 2,96 Erden notwendig. Dabei hat sie noch nicht mal ein Auto, fliegt nicht ständig um die Welt und kauft ihre Klamotten second hand. Nachdem sie sich von dem Schock erholt hatte, blieben zwei Möglichkeiten: in der Komfortzone bleiben oder etwas ändern. In den folgenden Monaten startete sie 3 Selbstversuche:

Versuch 1: einen Monat vegan leben. Um sich selbst zu motivieren und den Druck zu erhöhen, startete sie einen Blog, aus dem dann am Ende dieses Buch entstand. Auf ihrem mitunter holprigen Weg, lässt sie zu Beginn tierische Produkte weg. Dann entdeckt sie Ersatzprodukte, kauft sich Kochbücher, probiert einfache Rezepte und weist immer wieder auf das unendliche Tierleid hin, das viele mehr oder weniger erfolgreich verdrängen.

Versuch 2: plastikfrei leben. Aufgerüttelt durch die spannenden und gleichzeitig erschreckenden Filme „Plastic Planet“ und „Addicted to Plastic“, versucht sie ihren Plastikkonsum zu reduzieren. Dabei geht es nicht nur um Tupperdosen und Kinderspielzeug, sondern vor allem um Einwegplastik wie Coffee-To-Go-Becher, Obstverpackungen im Supermarkt, Mini-Tütchen im Tüchtchen, die noch mal in einer Tüte verpackt sind usw.

Versuch 3: aktiv werden. Dabei wird’s richtig aufregend. Um ein Zeichen gegen Lebensmittelverschwendung zu setzen, geht sie containern, ist bei einer Schweineschlachtung dabei, trifft sich mit den Gründern kleinerer Projekte, die die Welt ein bisschen besser machen sollen, und beschäftigt sich mit Fast Fashion und dem Fairphone.

Wie jeder Neueinsteiger, der beschlossen hat sein Leben zu ändern, ertappt auch sie sich dabei missionieren zu wollen und wird Opfer der Verteidigungshaltung, sobald sie nur das Wort vegan in den Mund nimmt. Ob man einen Menschen, der sein tägliches Stück Fleisch, in Plastik verpackt für 1,99 aus dem Discounter, als ein Grundrecht ansieht, missionieren kann, halte ich für fraglich. Aber wenn viele Menschen viele kleine Schritte tun, wird die Welt sich ändern.

Diese Mischung aus Roman, Ratgeber und Erfahrungsbericht liest sich wunderbar unterhaltsam. Sarah Schill verschweigt keine ihrer Zweifel,  die schlechte Laune und den Frust. Dabei merkt man, dass sie nicht nur Autorin, sondern auch Lektorin und Journalistin ist. Sie hat eine großartige Wortwahl, achtet sowohl auf den Satzbau als auch – im Gegensatz zu vielen anderen Autoren – auf den Genitiv. Hilfreich sind ebenfalls die interessanten Quellenangaben und weiterführende Links zum Thema am Ende des Buches.

Bildquelle: Verlagsgruppe Random House GmbH

 

 

 

 

Rezension: Ingrid Noll – Der Hahn ist tot ***

Rosemarie, Anfang 50, Versicherungsangestellte, ewiger Single, keine Kinder, ohne Hobbys, verliebt sich zum ersten Mal in ihrem Leben. Das ahnungslose Opfer ist Rainer Witold: Lehrer, beliebt, verheiratet, zwei Kinder und mit großem Freundeskreis. Sofort steigert sie sich in den Gedanken hinein, Witold ganz für sich allein zu haben. Dafür muss sie allerdings die ein oder andere Konkurrentin, inklusive seiner Ehefrau, aus dem Weg räumen. Wer Ingrid Nolls Romane kennt, weiß wie das aussieht: Die Handlung fließt friedlich vor sich hin und -zack- ist der Mord in einem Halbsatz passiert.

Vielleicht macht gerade das den Reiz aus. Rosemarie ist nämlich keine kaltblütige Mörderin, sondern nur eine einsame, wenn auch psychopathische Frau.

Der Hahn ist tot ist Ingrid Nolls Debütroman, in dem ihre verschrobenen Charaktere, der schwarze Humor und der unvergleichliche Zynismus bereits vorhanden sind. Es bleibt jedoch das Gefühl, sie übte noch für die nachfolgenden Werke. Denn im Vergleich zu Nolls Romanen „Kalt ist der Abendhauch„, „Ehrenwort“ und „Über Bord“ ist dieser hier nicht schlecht, bleibt aber doch ein bisschen farblos – wie Rosemarie.

Bildquelle: Diogenes Verlag AG

Rezension: Ingrid Noll – Kalt ist der Abendhauch ****

Auch wenn der Titel vielleicht etwas anderes vermuten lässt, handelt es sich hierbei um eine sehr skurrile und witzige Familiengeschichte. Erzählt wird diese von der 83-jährigen Charlotte, die allein mit ihrer Schaufensterpuppe Hulda lebt. Kurz bevor Charlottes große Liebe, Hugo – der obendrein der Ehemann ihrer Schwester ist – nach vielen Jahren zu Besuch kommt, schwelgt sie in lustigen aber auch traurigen Erinnerungen. Dabei kommt nicht nur eine Leiche im Keller zum Vorschein, sondern auch Kriegserlebnisse, Verluste, Eifersucht und das unberechenbare Timing der Liebe.

Charlotte mit ihrer unkonventionellen Art muss man einfach lieben. Dabei ist sie gleichzeitig unglaublich weise und berichtet schonungslos über das Älterwerden. Dass sie es (noch immer) faustdick hinter den Ohren hat, wird in unzähligen Anekdoten auf gerade mal 246 Seiten erzählt. Dabei wechseln geschickt die Gesprächspartner und so verknüpfen sich Vergangenheit und Gegenwart.

Den fünften Stern auf meiner Bewertungsskala habe ich nur nicht vergeben, um für ihre weiteren Werke, die ich alle noch lesen möchte, etwas Luft nach oben zu haben. Ich bin gespannt, wie Nolls andere Heldinnen ihre Männer beseitigen. Denn soviel sei schon mal gesagt: das ist das zentrale Thema der Autorin.

Auch die Verfilmung mit August Diehl und Fritzi Haberlandt kann ich nur wärmstens empfehlen.

Bildquelle: Diogenes Verlag AG

Rezension: Anne Hertz – Die Sache mit meiner Schwester ***

Angezogen vom hübsch gestalteten Cover griff ich in der Bibliothek nach diesem Buch. Wie der Titel schon erahnen lässt, geht es um die beiden Schwestern Nele und Heike, die zusammen unter dem Namen Sanne Gold sehr erfolgreich Bücher schreiben. Heike lebt mit ihrem Mann und drei Kindern im spießigen Haus mit Garten, während Nele als Single das Nachtleben und ihre Freiheit genießt. Als beide in einer Talkshow zu Gast sind, kommt es zum Eklat. Aufgebracht fahren die beiden davon und haben einen Autounfall bei dem Heike schwer verletzt wird. Hals über Kopf muß Nele Heikes Rolle einnehmen und den Haushalt schmeißen. Dabei stößt sie auf einige Ungereimtheiten in Heikes Leben.

Ich mag Bücher, in denen junge, vielleicht auch manchmal naive Frauen aus ihrem bisherigen Leben gerissen werden, sich neu orientieren müssen und daran wachsen. Das ist vielleicht nicht immer sonderlich anspruchsvoll aber sehr unterhaltsam. Besonders vor dem Hintergrund, dass dieser Roman tatsächlich von zwei Schwestern unter dem gemeinsamen Pseudonym Anne Hertz geschrieben wurde, fand ich die Idee sehr witzig.

Leider strotzte das Buch vor Namensverwechslungen, Tipp- und Grammatikfehlern. Darüber hinaus gab es auch noch Widersprüche im Text. So schaut beispielsweise Nele mit ihrer Freundin auf eine Facebookseite und fährt danach den Computer herunter. Nach einer kurzen Unterhaltung schließt sie den Browser. Auch die ständige Großschreibung und Wortwiederholungen waren wirklich, wirklich, WIRKLICH (Zitat!) nervig. Die erwartet man eher in der WhatsApp-Nachricht einer Fünfzehnjährigen. Am Ende des Buches danken die beiden Autorinnen auch noch der Lektorin Katrin Andres und Matthias Willig für das unermüdliche Lesen und Korrigieren. Mag sein, dass die beiden uns Leser vor dem Schlimmsten bewahrt haben. Aber gut ist anders.

Rezension: Sebastian Fitzek – Der Nachtwandler ****

Manche Leute schnarchen, andere reden im Schlaf. Was man genau macht kann man nie wissen. Doch was, wenn man plötzlich aufwacht und die Freundin mit Gesichtsverletzungen völlig verstört die gemeinsame Wohnung verlässt. So ergeht es dem Architekten Leon Nader, der mit seiner Freundin eigentlich in einer glücklichen Beziehung lebt.

Schon als Jugendlicher wurde er wegen Schlafstörungen und Nachwandeln behandelt. Doch er galt als geheilt. Bis dahin. Um herauszufinden, was sein schlafendes Ich treibt, besorgt er sich eine Kamera, die Unglaubliches filmt…

Sebastian Fitzek spielt, wie schon so oft, ein perfekt inszeniertes Verwirrspiel zwischen Realität, Traum und Einbildung. Mein Verdacht änderte sich von Seite zu Seite. Immer wenn ich dachte, dass alles zusammenpasst, gab es eine neue Wendung.

Der Nachtwandler sorgte bei mir zwar für keine schlaflose Nacht aber doch für langanhaltenden Nervenkitzel.

Bildquelle: www.sebastianfitzek.de

Weitere von mir rezensierte Fitzek-Romane: Die TherapiePassagier 23 und Der Augensammler.

Rezension: Sebastian Fitzek – Der Augensammler ****

Sebastian Fitzek schafft es immer wieder aufs Neue mich zu verblüffen. Diesmal mit einem Buch, das rückwärts erzählt wird, samt umgekehrt nummerierten Seitenzahlen und Kapitelnummern – passend zum ablaufenden Countdown, der den Opfern des Augensammlers bleibt. Dieser spielt ein gemeines Spiel nach dem immer gleichen Muster. Erst ermordet er die Mutter der Familie und entführt das Kind. Dann bleiben dem Vater 45 Stunden um das Kind aus der Todesfalle zu retten. Bis jetzt ist das noch keinem gelungen. Und nicht nur das. Jedem Opfer fehlt das linke Auge. 

Als der Journalist Alexander Zorbach schließlich selbst als Verdächtiger gilt, taucht eine blinde Frau auf, die Visionen in die Vergangenheit – so glaubt sie – hat. 

Auch hier schafft es Fitzek mal wieder durch Cliffhanger am Ende der Kapitel nervenaufreibende Spannung zu erzeugen, und stellt zum Schluss wieder alles auf den Kopf. Neben der Spannung muss natürlich auch die gründliche Recherche über Blindheit lobend erwähnt werden. 

Ich bin gespannt wie es in Der Augenjäger weitergeht.

Bildquelle: Verlagsgruppe Droemer Knaur

Weitere von mir rezensierte Fitzek-Romane: Die Therapie und Passagier 23