Rezension: Kevin Brooks – Black Rabbit Summer****

Was wie ein typisches Jugendbuch aussieht, entpuppte sich für mich als spannender Thriller, der mich auch als Erwachsene von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt hat.

Nach dem Ende ihrer Schulzeit treffen sich die 16-jährigen Freunde Pete, Nicole, Eric, Pauly und Raymond ein letztes Mal, bevor alle ihre eigenen Wege im Leben gehen. Aus einem chilligen Abend wird ein schicksalhaftes Zusammentreffen, das damit endet, dass zwei Jugendliche verschwinden und ein schwarzes Kaninchen grausam getötet wird.

Obwohl mich das Buch von Anfang an gepackt hat und ich unbedingt wissen wollte, wie es weiter geht, habe ich zu den Charakteren keinen wirklichen Zugang gefunden. Doch vielleicht machte genau das den Reiz aus. Wenn einem keiner der Protagonisten nahe ist, kann man auch keine Partei ergreifen und weiß nicht wem man trauen kann, was die Spannung erhöht. Zusätzlich gibt es viele verwirrende Andeutungen und Pete, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird, trifft häufig nicht nachvollziehbare Entscheidungen. So blieb die Spannung bis zur letzten Seite aufrecht. Sogar der Schluss ist großartig gelungen. Es gibt eine Auflösung der Verkettung aller Ereignisse und dennoch bleibt das Ende offen.

Alles in allem wirklich ein großartiges Buch, das eigentlich fünf Sterne verdient hätte. Einen Stern Abzug gibt es für die Übersetzung und das Lektorat. Beide schienen zum Ende der 576 Seiten keine Lust mehr gehabt zu haben. Im Verlauf des Buches gibt es zunehmend Tippfehler, das(s) wurde falsch verwendet, der Satzbau stimmte zum Teil nicht, der Dativ hat den Genitiv mehrfach getötet und dasselbe und das Gleiche wurden lediglich abwechselnd verwendet, um Wortwiederholungen zu vermeiden.

Bildquelle: dtv Verlagsgruppe mbH & Co. KG

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Rezension: Morgan Callan Rogers – Rubinrotes Herz, eisblaue See *****

In einem kleinen Ort in Maine, an der Ostküste der USA, lebt das Mädchen Florine zusammen mit ihren Eltern Carlie und Leeman in der Nähe der Großmutter. Gleich in der Nachbarschaft wohnen die Freunde Dottie, Bud und Glen. Alles ist wunderbar idyllisch und erinnert ein wenig an die Kinder aus Bullerbü. Bis zu dem Tag als Florines Mutter ohne ein Wort verschwindet. Niemand weiß, ob sie die Familie einfach so verlassen hat, oder ob ihr etwas zugestoßen ist.

In jedem Satz ist die Verzweiflung des Vaters und Florines spürbar. Das alles kommt – zum Glück – ohne herzzerreißende Worte und ohne viele Tränen aus. Gerade diese fehlende Rührseligkeit machte es für mich umso bewegender. Vater und Tochter versuchen einfach mit ihrem Leben weiter zu machen. Jeder auf seine Weise. Während Florine keinen Frieden findet, und auch nach Jahren noch auf die Rückkehr der Mutter hofft, ertränkt der Vater  seinen Kummer zuerst in Alkohol, und tröstet sich dann mit einer anderen Frau. Auch hier hat es mir beim Lesen fast das Herz zerrissen. Beide versuchen glücklich zu sein – und doch wird einer der beiden verletzt – in dem Fall Florine. So etwas wäre in Bullerbü nicht passiert 🙂

Obwohl das Buch keine Neuerscheinung ist, eignet es sich wunderbar als (Weihnachts-)geschenk. Es ist ein Buch übers Erwachsenwerden, tiefe Freundschaft, Familie, Verluste und Verzeihen.

Rezension: Susanna Ernst – So wie die Hoffnung lebt ****

Als Katie und Jonah sich im Kinderheim kennenlernen, hatte ihnen das Schicksal, trotz ihres geringen Alters, bereits übel mitgespielt. Jonah hat seinen Vater nie kennengelernt und seine Mutter und Großmutter bei einem Brand verloren. Katies Vater hat in einem Eifersuchtsanfall die komplette Familie – bis auf Katie – ausgelöscht. Seit diesem schrecklichen Ereignis spricht Katie kein Wort mehr. Erst als Jonah eines Tages ins Heim kommt, kann er als Einziger zu ihr vordringen. Er gibt ihr die Sprache und das Vertrauen zurück. Doch dann schlägt das Schicksal aufs Neue erbarmungslos zu und bringt beide auseinander. Auch nach Jahren, beide sind längst erwachsen, kann Jonah Katie nicht vergessen, und begibt sich auf die Suche nach ihr.

Besonders die sich behutsam entwickelnde Freundschaft der beiden zutiefst verstörten Kinder hat mich nachhaltig berührt und hätte eigentlich zu einer 5-Sterne-Bewertung geführt, wäre da nicht das übertrieben dramatische und kitschige Ende.

Rezension: Jenny Han – To all the boys I’ve loved before ****

Dieses Buch habe ich im Flieger auf einer Dienstreise gelesen. Neben mir saßen zwei Frauen, die ebenfalls gelesen haben. Eine der beiden fand den Anblick, wie wir unsere Bücher und einen eReader auf dem Schoß hatten, so witzig, dass sie davon ein Foto gemacht hat. Aber auch abgesehen von diesem schönen Moment, habe ich das Buch über die drei Schwestern Margot, Kitty und die Ich-Erzählerin, Lara Jean, in vollen Zügen genossen.

Die Mädchen leben nach dem Tod der Mutter mit ihrem Vater allein in den USA. Deshalb trifft es sie besonders hart, als die Älteste von ihnen auf die Uni nach Schottland – ans andere Ende der Welt – geht. Vorher trennt sie sich allerdings von ihrem Freund Josh, der direkt nebenan wohnt und schon fast zur Familie gehört.

Aber auch Lara Jeans Liebesleben wird durcheinander gewirbelt. Nicht nur dass sie Gefühle für Josh hat, auch ihre intimsten Geheimnisse kommen ans Licht: Jedes Mal wenn sie heimlich verliebt ist, schreibt sie an den Jungen einen Abschieds-Liebesbrief um mit der Sache abzuschließen. Diese Briefe packt sie in ihre geheime Hutschachtel. Eines Tages sind die Briefe plötzlich nicht mehr in der Schachtel, sondern in den Briefkästen der Jungen.

Mein absoluter Liebling des Romans war allerdings nicht die Hauptprotagonistin Lara Jean, sondern ihre 9jährige Schwester Kitty. Sie ist frech, witzig, manchmal altklug und einfach nur süß. Auch die enge Bindung der Schwestern wurde wunderbar tiefgründig gezeichnet. Die Jungs spielen zum Glück nur eine Nebenrolle 🙂

Den Nachfolgeroman P.S. I still love you gibt es schon auf Englisch. Die deutsche Übersetzung erscheint 2017.

Bildquelle: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG

Rezension: Sarah Kuttner – Mängelexemplar ***

Manchmal kommt alles zusammen im Leben. So wie bei Karo. Sie verliert ihren Job in der Eventagentur und trennt sich von ihrem Freund Philipp, da ihr bewusst wird, dass die Beziehung nicht mehr läuft oder vielleicht noch nie gut lief. Als er ohne sie wunderbar klarzukommen scheint, verliert sie den Boden unter den Füßen. Plötzlich sind da nächtliche Panikattacken und Karo befindet sich wegen Depressionen in Behandlung. Während dieser Zeit sind ihr bester Freund Nelson und ihre Mutter für sie da. Als es Karo etwas besser geht, lernt sie den verständnisvollen Max kennen und die beiden werden ein Paar. Eigentlich könnte alles perfekt  sein, doch sie traut dem Frieden nicht. 

Ich finde es toll, dass das ernste Thema Depressionen so frisch und mit so viel Schwung beschrieben wird. Mir war es allerdings manchmal zu schwungvoll. Auch als Autorin scheint Sarah Kuttner die ewig schnatternde Moderatorin zu sein. So ist auch ihr Schreibstil. 

Bildquelle: S. FISCHER Verlag GmbH

Billie Letts – Where the Heart is *****

Where the Heart is oder auf deutsch Wo dein Herz schlägt war wohl die älteste meiner SuB-Leichen. Vor etwa 15 Jahren habe ich dieses Buch auf einem amerikanischen Flohmarkt erstanden. Warum ich es ungelesen quer über den Atlantik und danach von Wohnung zu Wohnung bei jedem Umzug mitgenommen habe, ist mir ein Rätsel. Wahrscheinlich hat das schreckliche Filmcover seinen Teil dazu beigetragen. Das würde auch erklären warum sich John Irvings The Cider House Rules mit einem Foto von Tobey Maguire auf dem Cover ebenfalls noch auf meinem SuB befindet. Schade, dass einen ein seltsames Cover so abschreckt ein so großartiges Buch zu lesen. Da ich das Buch inzwischen verschenkt habe, ist hier das DVD-Cover abgebildet, das dem Buchcover sehr nahe kommt.

Mir fällt kein vergleichbares Buch ein, das mich mit einem ähnlich guten Gefühl zurückgelassen hat. Dabei deutete der Anfang des Buches gar nicht darauf hin. Die hochschwangere 17jährige Novalee wird von ihrem Freund und Kindesvater mit nur 7,77 Dollar in der Tasche in einem Wal-Mart fern von der Heimat zurückgelassen. Vollkommen auf sich allein gestellt lässt sie sich jeden Abend zum Übernachten dort einschließen. Über Nacht erlangt sie durch die Geburt ihrer Tochter Americus Nation im Supermarkt Berühmtheit. Sie bekommt ein Jobangebot, kann bei einer Freundin wohnen und erfährt zum ersten Mal Liebe und Zuwendung von Fremden, die zu Freunden werden. Auch mein Herz hat Novalee im Sturm erobert. Trotz aller negativen Erfahrungen hat sie immer das Positive gesehen, hat sich neue Ziele gesteckt, sich über die kleinen Dinge im Leben gefreut und ist an ihrem Schicksal gewachsen. Eines der wenigen Bücher, die man in jeder Lebenssituation lesen kann.

Bildquelle: Amazon.com

Wolfgang Herrndorf – Tschick ***

Der Achtklässler Maik hält sich selbst für einen Langweiler. Kein Wunder, dass ihn seine große Liebe Tatjana nicht beachtet. Sein russischer Mitschüler Andrej Tschichatschow, genannt Tschick, ist anders. Er kommt des Öfteren betrunken zur Schule und droht den älteren Schülern mit der Russenmafia. Als Maiks Mutter in den Sommerferien wieder mal zur Entziehungskur ist und sein Vater mit der Sekretärin verreist, taucht Tschick plötzlich bei Maik zu Hause mit einem geklauten Auto auf. Zuerst zögerlich, dann immer mehr fasziniert, lässt sich Maik von Tschick zu einem aufregenden Trip in Richtung Walachei überreden.

Da der Film am 15.09.2016 in die deutschen Kinos kommt, wollte ich vorher noch schnell das Buch lesen. Dass es dann so schnell vorbei war, hat mich auch überrascht. Dank der einfachen Jugendsprache war ich ruckzuck durch. Wunderbar fand ich die Zerrissenheit der beiden Jungs. Auf der einen Seite wollen sie die großen Macker markieren. Auf der anderen Seite sind da immer wieder die pubertären Selbstzweifel. Auch wenn beide aus sehr unterschiedlichen Verhältnissen kommen, entwickelt sich zwischen ihnen eine tiefe Freundschaft. Weder die Drohungen von Maiks Vater, noch Polizei und Gericht bringen die beiden dazu sich gegenseitig zu verraten.  

So ganz mitgerissen hat mich das Buch allerdings nicht. Für meinen Geschmack kamen die Abenteuerlust und das Freiheitsgefühl zu kurz – wie Fahren mit angezogener Handbremse. Es geht hier schließlich um zwei Vierzehnjährige, die ein richtig krasses Ding drehen.

Tragisch ist, dass Wolfgang Herrendorf sich nach der Erkrankung an einem Gehirntumor im Jahr 2013 das Leben nahm.

Bildquelle: Rowohlt Verlag