Rezension: Ingrid Noll – Kalt ist der Abendhauch ****

Auch wenn der Titel vielleicht etwas anderes vermuten lässt, handelt es sich hierbei um eine sehr skurrile und witzige Familiengeschichte. Erzählt wird diese von der 83-jährigen Charlotte, die allein mit ihrer Schaufensterpuppe Hulda lebt. Kurz bevor Charlottes große Liebe, Hugo – der obendrein der Ehemann ihrer Schwester ist – nach vielen Jahren zu Besuch kommt, schwelgt sie in lustigen aber auch traurigen Erinnerungen. Dabei kommt nicht nur eine Leiche im Keller zum Vorschein, sondern auch Kriegserlebnisse, Verluste, Eifersucht und das unberechenbare Timing der Liebe.

Charlotte mit ihrer unkonventionellen Art muss man einfach lieben. Dabei ist sie gleichzeitig unglaublich weise und berichtet schonungslos über das Älterwerden. Dass sie es (noch immer) faustdick hinter den Ohren hat, wird in unzähligen Anekdoten auf gerade mal 246 Seiten erzählt. Dabei wechseln geschickt die Gesprächspartner und so verknüpfen sich Vergangenheit und Gegenwart.

Den fünften Stern auf meiner Bewertungsskala habe ich nur nicht vergeben, um für ihre weiteren Werke, die ich alle noch lesen möchte, etwas Luft nach oben zu haben. Ich bin gespannt, wie Nolls andere Heldinnen ihre Männer beseitigen. Denn soviel sei schon mal gesagt: das ist das zentrale Thema der Autorin.

Auch die Verfilmung mit August Diehl und Fritzi Haberlandt kann ich nur wärmstens empfehlen.

Bildquelle: Diogenes Verlag AG

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Rezension: Sarah Vaughan -Die Zutaten des Glücks ***

Werdet ihr auch häufig von bestimmten Buchcovern angezogen? Bei mir sind es türkis-pink-farbige Bücher. Das zum Beispiel, das oder das. Deshalb bin ich auch hier schwach geworden, obwohl mich der Inhalt auf den ersten Blick gar nicht wirklich ansprach.

Es geht um einen Backwettbewerb, das Schicksal einer gefeierten Backbuchautorin der 1960er-Jahre und die Lebensgeschichte der Teilnehmer des Wettbewerbs. Da ist Jenny, Mutter dreier erwachsener Töchter, die in den letzten Jahren einige Kilos zugelegt hat. Ihr Mann hingegen trainiert für den Pariser Marathon und betrügt sie mit ihrer Freundin.  Vicki, Grundschullehrerin in Elternzeit, zweifelt an ihren Fähigkeiten als gute Mutter. Die alleinerziehende Claire bringt sich und ihre kleine Tochter mit ihrem Job als Supermarktkassiererin über die Runden, und kann sich die Backzutaten kaum leisten. Karen versucht durch ihren Perfektionismus gleich mehrere Familiengeheimnisse zu vertuschen. Und zu guter letzt Mike, der den Tod seiner Frau nur langsam verarbeitet.

Der Anfang des Buches wird dominiert von der Backleidenschaft und die Erzählungen der Frauen kommen nur langsam in Fahrt. Zum Glück ändert sich das Verhältnis gegen Ende, die Geschichten gewinnen an Tiefe und Gefühl, so dass das Backen in den Hintergrund gerät. Gut gefallen hat mir, dass es kein klassisches Happy End mit rosa Zuckerwatte gibt, sondern ganz subtil angedeutet wird, wie das Leben der Protagonisten nach der Verkündung des Gewinners weitergeht.

Bildquelle: Bastei Lübbe AG

Rezension: Melissa Bank – Dinge, die Frauen aus Liebe tun *

Sophie, aufgewachsen in einer jüdischen Familie in einem Vorort von Philadelphia, zieht nach dem College nach New York City. Dort hangelt sie sich unmotiviert von Job zu Job, und auch in Sachen Beziehung läuft es mehr schlecht als recht. Was sich nach einem typischen Girl-in-the-City-Roman anhört, entpuppte sich leider als langweilige Aneinanderreihung bedeutungsloser Episoden aus Sophies Leben.

Es gab wirklich nichts, womit die Autorin versuchte einem Sophie nahe zu bringen. Sie hat keine wirkliche Beziehung zu ihren Eltern oder Geschwistern. Sie sorgt sich um ihren Bruder, lässt aber keine Taten folgen. Sie sagt sie liebt ihren plötzlich auftauchenden Freund (der vorher nicht in die Handlung eingeführt wurde), das merkt man jedoch nicht. Sie hat seit der Schulzeit eine beste Freundin, der sie aber nicht nahe ist. Sie betont immer wieder wie wichtig ihr der Job ist, und doch kommt sie ständig zu spät.

Diese Unentschlossenheit mag als Ausgangsbasis eines Buches gut geeignet sein. Als allerdings keine Entwicklung folgte, war ich einfach nur genervt.

Ähnlich oberflächlich wie Sophies Charakter dargestellt wurde, so unmotiviert ist das Umfeld der Protagonistin beschrieben. Sie kommt aus einer jüdischen Familie, aber man erfährt außer den üblichen Bräuchen – wie koscheres Essen und Bar Mitzwa – nichts näheres über den Glauben. Schade um die Zeit, die für dieses oberflächliche Buch drauf gegangen ist.

Bildquelle: Verlagsgruppe Random House GmbH

Rezension: Mark Watson – Ich könnte am Samstag ***

Der Australier Xavier, der seit kurzem in London lebt, hat keine großen Ambitionen im Leben. Ab und zu nimmt er an Scrabble-Turnieren teil. Ansonsten hat er weder Freunde noch Interessen. Nachts moderiert er beim Radio eine Talkshow in der ihm noch einsamere und verzweifeltere Menschen ihr Herz ausschütten. Während er in seiner Show immer einen hilfreichen Ratschlag parat hat, ist er im wahren Leben oft unbeholfen und wenig selbstsicher. So traut er sich auch nicht einem Jungen zu helfen, der von seinen Mitschülern verprügelt wird, und setzt damit – ohne es zu wissen – eine Verkettung verschiedener Schicksale in Gang. Genau von diesen Aneinanderreihung lebt das Buch. Mal werden tatsächlich stattfindende Handlungsstränge miteinander verknüpft, mal werden sehr kreative Verbindungen z.B. über einen Geldschein, der den Besitzer wechselt, hergestellt. All diese kleine Anekdoten sind wunderbar amüsant und unterhaltsam zu lesen – mehr allerdings auch nicht. Die Handlung plätschert auf über 300 Seiten vor sich hin, bevor es im letzten Kapitel zum überraschenden Höhepunkt kommt. Doch schon nach kurzer Zeit wird man sich an dieses Buch wohl kaum erinnern.

Ein weiterer Minuspunkt geht auf das Konto des Verlages. Was sollen diese an den Haaren herbeigezogenen Hinweise (getarnt als Zitate) auf dem Buchcover wie „Wenn Sie ‚Zwei an einem Tag‚ von David Nicholls geliebt haben, dann ist das Ihr Buch!“? Weder der Inhalt ist vergleichbar, noch stammt das Buch vom selben Autor. Ganz im Gegenteil: der Vergleich weckt meist Erwartungen, die dann enttäuscht werden.

Bildquelle: Verlagsgruppe Random House GmbH

Rezension: Scott Smith – Ein ganz einfacher Plan ***

Was würde man tun, wenn man mit seinen Freunden 4,4 Millionen Dollar findet? Genau diese Frage stellt sich Hank, seinem Bruder Jacob und dessen Freund Lou. Auf einem verschneiten Acker im Nirgendwo finden sie ein abgestürztes Flugzeug. In ihm sitzt der tote Pilot mit einer Tasche voller Geld. Schnell fassen sie einen Plan: Etwas Gras über die Sache wachsen lassen und dann wird geteilt. Dumm nur, wenn sich jemand nicht an die Vereinbarung hält. So erwachen schnell Gier und Misstrauen.

Was nach einer spannenden Idee klingt, verlor sich leider in langatmigen Landschaftsbeschreibungen und gegenseitigen Drohungen, weil einer dem anderen nicht vertraut und die Sache immer mehr aus dem Ruder läuft. So war ich nach ein paar hundert Seiten ziemlich erleichtert, als es endlich zum blutigen Showdown kommt.

Spannung kam leider an keiner Stelle auf. Lediglich die Entwicklung vom braven Durchschnittbürger zum Mörder ohne Reue war interessant dargestellt.

Mein Fazit: Guter Plan, der allerdings an der unkreativen Umsetzung gescheitert.

Bildquelle: S. FISCHER Verlag GmbH

Rezension: Graeme Simsion – Der Rosie-Effekt *****

Nachdem „Das Rosie-Projekt“ und die damit verbundene Suche nach einer geeigneten Ehefrau erfolgreich abgeschlossen ist, werden die Probleme für Don Tilman nicht weniger. Don, hochintelligent, Genetikprofessor, und für die normale Welt nicht geschaffen, wird Vater. Gewohnt wissenschaftlich und effizient nähert er sich dem menschlichen Reproduktionsprozess. Seine Recherche führt ihn auf einen New Yorker Spielplatz und damit direkt in Polizeigewahrsam. Nachdem er überzeugend erklärt hat, dass er kein Kinderschänder ist, assistiert er bei der Geburt eines Kalbs, um für den großen Tag der Geburt, gut vorbereitet zu sein. Völlig eingenommen von dieser Forschungsarbeit droht seine Beziehung zu Rosie jedoch zu zerbrechen.

Meiner Meinung nach gibt es nur wenige Fortsetzungen, die fast nahtlos an ihren ersten Teil anknüpfen. Don und Rosie sind noch genauso sympathisch, verrückt und unterhaltsam. Und auch Dons bester Freund Gene sorgt wieder für einigen Wirbel. Wer sympathisch schräge Charaktere mag, sollte unbedingt „Das Rosie–Projekt“ und danach  „Der Rosie-Effekt“ lesen.

Bildquelle: S. FISCHER Verlag GmbH

Rezension: Lori Nelson Spielman – Und nebenan warten die Sterne ***

Wie auch schon im ersten Roman der Autorin, „Morgen kommt ein neuer Himmel“, geht es auch in ihrem dritten Buch um den Tod eines geliebten Menschen.

Kristen, Anfang 20, stirbt bei einem Zugunglück auf dem Weg zum College. Nach ihrem Tod stürzt sich ihre Mutter Erika in die Arbeit und macht Karriere um sich dem Schmerz nicht stellen zu müssen. Dadurch bekommt Erikas andere Tochter, Annie, immer mehr das Gefühl, dass ihre Mutter Kristen mehr geliebt hat bzw. immer noch liebt. Sie glaubt nämlich, dass die Schwester noch am Leben ist und in Paris lebt. Also macht sie sich auf die Suche.

Nach den erfolgreichen Romanen „Morgen kommt ein neuer Himmel“ und „Nur einen Horizont“ entfernt, hatte ich das Gefühl die Autorin und der Verlag nehmen alle Erfolgsfaktoren der ersten beiden Bücher, packen noch eine Schippe drauf und schon läuft das Ganze. Für mich wurden dadurch zu viele Themen auf einmal abgehandelt: die Trauer über den Unfalltod, die Schuldgefühle von Erika und Annie, alte Familienstreitigkeiten, Lebensweisheiten in Form von Sprüchen und Zitaten, eine Liebesgeschichte, das Zueinanderfinden von Mutter und Tochter und zu guter Letzt erhält Erika auch noch geheimnisvolle E-Mails. Dadurch blieb leider das Gefühl auf der Strecke, wodurch auch die Charaktere etwas hölzern und fremd wirkten.

Aber schließlich gibt es auch hierzu den passenden Spruch: Manchmal ist weniger mehr.

Bildquelle: S. FISCHER Verlag GmbH