Rezension: Sarah Schill – Anständig leben *****

Alles begann aus Langeweile, als Sarah Schill im Internet ihren ökologischen Fußabdruck berechnete. Das erschreckende Ergebnis: würde jeder so leben wie sie, wären 2,96 Erden notwendig. Dabei hat sie noch nicht mal ein Auto, fliegt nicht ständig um die Welt und kauft ihre Klamotten second hand. Nachdem sie sich von dem Schock erholt hatte, blieben zwei Möglichkeiten: in der Komfortzone bleiben oder etwas ändern. In den folgenden Monaten startete sie 3 Selbstversuche:

Versuch 1: einen Monat vegan leben. Um sich selbst zu motivieren und den Druck zu erhöhen, startete sie einen Blog, aus dem dann am Ende dieses Buch entstand. Auf ihrem mitunter holprigen Weg, lässt sie zu Beginn tierische Produkte weg. Dann entdeckt sie Ersatzprodukte, kauft sich Kochbücher, probiert einfache Rezepte und weist immer wieder auf das unendliche Tierleid hin, das viele mehr oder weniger erfolgreich verdrängen.

Versuch 2: plastikfrei leben. Aufgerüttelt durch die spannenden und gleichzeitig erschreckenden Filme „Plastic Planet“ und „Addicted to Plastic“, versucht sie ihren Plastikkonsum zu reduzieren. Dabei geht es nicht nur um Tupperdosen und Kinderspielzeug, sondern vor allem um Einwegplastik wie Coffee-To-Go-Becher, Obstverpackungen im Supermarkt, Mini-Tütchen im Tüchtchen, die noch mal in einer Tüte verpackt sind usw.

Versuch 3: aktiv werden. Dabei wird’s richtig aufregend. Um ein Zeichen gegen Lebensmittelverschwendung zu setzen, geht sie containern, ist bei einer Schweineschlachtung dabei, trifft sich mit den Gründern kleinerer Projekte, die die Welt ein bisschen besser machen sollen, und beschäftigt sich mit Fast Fashion und dem Fairphone.

Wie jeder Neueinsteiger, der beschlossen hat sein Leben zu ändern, ertappt auch sie sich dabei missionieren zu wollen und wird Opfer der Verteidigungshaltung, sobald sie nur das Wort vegan in den Mund nimmt. Ob man einen Menschen, der sein tägliches Stück Fleisch, in Plastik verpackt für 1,99 aus dem Discounter, als ein Grundrecht ansieht, missionieren kann, halte ich für fraglich. Aber wenn viele Menschen viele kleine Schritte tun, wird die Welt sich ändern.

Diese Mischung aus Roman, Ratgeber und Erfahrungsbericht liest sich wunderbar unterhaltsam. Sarah Schill verschweigt keine ihrer Zweifel,  die schlechte Laune und den Frust. Dabei merkt man, dass sie nicht nur Autorin, sondern auch Lektorin und Journalistin ist. Sie hat eine großartige Wortwahl, achtet sowohl auf den Satzbau als auch – im Gegensatz zu vielen anderen Autoren – auf den Genitiv. Hilfreich sind ebenfalls die interessanten Quellenangaben und weiterführende Links zum Thema am Ende des Buches.

Bildquelle: Verlagsgruppe Random House GmbH

 

 

 

 

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Rezension Jennifer Worth – Call the Midwife*****

Nachdem der Hype um die Serie nun schon eine ganze Weile verebbt ist, landete dieses Buch auch auf meinem Nachttisch.

Inspiriert wurde die Autorin, Jennifer Worth, geborene Lee, im Jahr 1998 von einen Artikel in der Zeitschrift „Midwives Journal“, der davon handelte, dass es keine Hebammen in der Literatur gibt. Dem wollte die Autorin Abhilfe schaffen und schrieb ihre Erinnerungen nieder, beginnend mit Ihrer Hebammenausbildung im London der 1950er Jahre. Damals lebte sie mit anderen Nonnen in einem Krankenhaus, dem Nonnatus House, und kümmerte sich um die Geburten der Familien im East End, dem heruntergekommensten Teil Londons.

Man erhält einen guten Einblick in das Gesundheitswesen der britischen Nachkriegszeit mit all seinen Krankheiten und Komplikationen, die unterhaltsam und einfach zu verstehen erklärt und geschickt mit den Lebensgeschichten der Patientinnen verknüpft werden. So entstanden lose aufeinander folgende Kapitel, die zum einen die Familien mit all ihrem Leid, schlimmsten hygienischen Verhältnissen, Geburtsmedizin – die noch in den Kinderschuhen steckte – mit sehr viel Herz thematisiert. Zum anderen sind da die humorvollen Anekdoten der Nonnen im Krankenhaus. Allen voran Schwester Monica Joan, mit der Jennifer Lee gleich am ersten Tag über den Kuchen herfällt, während die anderen Schwestern arbeiten und hungrig nach Hause kommen.

Auch wenn man die Serie nicht gesehen hat, entstehen beim Lesen sofort unzählige Bilder der vielen kleinen Begebenheiten. Perfekt für eine Serie also. Im Großen und Ganzen empfand ich das Buch dramatischer und erschreckender als die Serie. Man spürt, dass es die eigenen Erfahrungen der Autorin widerspiegelt. So kämpft sie sich beispielsweise nachts mit dem Fahrrad durch den dichten Londoner Nebel um zu einer ihrer Patientinnen zu gelangen und gewinnt durch ihren unermüdlichen Einsatz die Herzen der Menschen, die von der Gesellschaft verachtet und aufgegeben wurden. Dadurch macht der Roman die unfassbare Armut und beengten Lebensverhältnisse erlebbar, was die Serie nicht schafft oder schaffen möchte. In selbiger stand für mich die humorvolle Seite mehr im Vordergrund. Hilfreich war außerdem das Glossar am Ende des Buches.

Dieses Buch bildet übrigens den Auftakt der Trilogie:

Call the Midwife
Shadows of the Workhouse
Farewell to The East End

 

Bildquelle: The Orion Publishing Group

Rezension: Lauren Oliver – Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie **

Samantha hat eigentlich alles was sich ein Teenager wünscht: Sie ist nicht auf den Kopf gefallen, sie sieht gut aus, ist Teil einer angesagten Mädchenclique und ihr Freund ist einer der begehrtesten Typen der Schule. Doch kurz vorm Valentinstag ist alles vorbei. Sie stirbt nach einer Party bei einem Autounfall. Am nächsten Morgen erwacht sie in einer Zeitschleife und erlebt den gleichen Tag nochmal und nochmal und nochmal…

Schon nach den ersten Seiten gingen mir Samantha, Ally, Elody und Lindsay einfach nur auf den Wecker. Von Freundschaft, die in jedem Absatz mindesten einmal betont wird, war in ihrem Verhalten nichts zu merken, stattdessen verbindet sie das Fertigmachen anderer Mitschüler und die Fragen wer am Valentinstag wie viele Rosen bekommt und wer wen in der Mittagspause mit Pommes bewirft. Das mag zwar in ihrem Alter eine große Rolle spielen, das Ganze aber so ausführlich auf 448 Seiten zu lesen interessiert wahrscheinlich niemanden.

Nachdem Samantha die ersten beiden Tage durchlebt hatte, erwartete ich vom Rest des Romans, dass sich meine eigene Egal-Haltung was ihren Tod angeht komplett ändert. Ich hatte gehofft, dass sich die Protagonistin verändert, jeden Tag anders gestaltet, ich sie besser kennenlerne und am Ende zutiefst traurig bin, wenn sie stirbt oder froh bin, wenn sie es verhindern kann. Leider ist das der Autorin nicht gelungen. Ich war einfach nur froh, dass das Buch zu Ende ging.

Ein kleiner Lichtblick war der angenehme Schreibstil, aber auch das wurde durch zwei peinliche Das(s)-Fehler und die ständigen Kursivtexte zunichte gemacht. Warum? Zur Betonung? Für wie dumm hält man die Leser?

Bildquelle: CARLSEN Verlag GmbH

Rezension: Ingrid Noll – Ehrenwort ****

Wie in Ingrid Nolls Romanen üblich, steht auch in diesem Buch der alltägliche Familienwahnsinn im Mittelpunkt.

Opa Willy ist nach einem Sturz kurz davor das Zeitliche zu segnen. Sohn Harald hat jedoch keine Lust sich um den alten Patriarchen zu kümmern, und Haralds Frau Petra hat mit der eigenen Buchhandlung und ihrem Liebhaber ebenfalls genug zu tun. Enkelin Mizzi, von der Harald und Petra hoffen, dass ihre lesbische Phase bald vorüber ist, hat sich weit weg nach Berlin verzogen. Nur Enkel Max, der in Sachen berufliche Zukunft nichts auf die Kette bekommt, päppelt den Opa liebevoll mit Pudding wieder auf. Weil er knapp bei Kasse ist, bringt er bei dieser Gelegenheit einen Teil des Erbes durch. Natürlich verschwindet – typisch für Ingrid Noll – nicht nur Geld, sondern auch die ein oder andere Leiche.

Erzählt wird die Geschichte locker und leicht ohne größere Höhen und Tiefen, sodass man kaum merkt, wie die Seiten dahinfliegen.

Aufgestoßen ist mir allerdings, dass Opa Willy mit lateinischen Redewendung um sich wirft und sich über die schlechten Grammatikkenntnisse der heutigen TV-Moderatoren aufregt, aber selbst „wegen mir“ statt „meinetwegen“ sagt. Da hätte mal jemand im Verlag den Duden, statt des Lateinbuchs in die Hand nehmen sollen.

Andere Bücher der Autorin: Kalt ist der Abendhauch, …

Bildquelle: Diogenes Verlag AG

Rezension: Ann Brashares – Eine für vier ****

Als ich ganz begeistert den Roman Unser letzter Sommer von Ann Brashares las, war ich gespannt welche weiteren Bücher von der Autorin stammen. Überrascht hat mich, dass sie die Mädchenbuchreihe Eine für vier (The Sisterhood of the Traveling Pants) geschrieben hatte. Den Film mit Alexis Bledel und Blake Lively hatte ich gefühlt schon 1000 Mal gesehen, doch das Buch stand seit Jahren ungelesen in meinem Bücherregal. Wahrscheinlich haben mich der deutsche Titel und die grauenhafte Jeans auf dem Cover bisher abgehalten. Also nichts wie ran.

Der erste Satz des Prologs lautete: „Es war einmal eine Hose“. Na das konnte ja heiter werden… Auch die grauenhafte Übersetzung typisch amerikanischer Redewendungen machte es nicht besser. Erst mit dem Wechsel der Erzählperspektive ab dem ersten Kapitel wurde es besser. Die Geschichten um die vier Mädchen, die zum ersten Mal den Sommer getrennt von einander verbringen sollten, entsponnen sich sehr schnell. Bridget, fährt in ein Fußballcamp und verliebt sich Hals über Kopf in einen Betreuer. Carmen hatte sich die Ferien mit ihrem Vater anders vorgestellt. Statt gemeinsame Zeit nachzuholen, präsentiert er ihr seine neue Vorzeigefamilie und sie fühlt sich ausgeschlossen. Lena verbringt die Zeit bei ihren Großeltern in Griechenland und verdreht Kostos den Kopf. Nur Tibby bleibt zu Hause und lernt ein Mädchen im Supermarkt kennen, das durch ihr Schicksal Tibbys Blick auf die Welt geraderückt.

Auch wenn ich beim Lesen die Schauspieler und Filmszenen vor Augen hatte, gefiel mir das Buch sehr gut. Es handelt von typischen Mädchenproblemen wie erste Küsse, Scheidung der Eltern und hält doch auch für erwachsene Mädchen ein paar Lebensweisheiten bereit.

Bildquelle: Verlagsgruppe Random House GmbH

Rezension: Ingrid Noll – Der Hahn ist tot ***

Rosemarie, Anfang 50, Versicherungsangestellte, ewiger Single, keine Kinder, ohne Hobbys, verliebt sich zum ersten Mal in ihrem Leben. Das ahnungslose Opfer ist Rainer Witold: Lehrer, beliebt, verheiratet, zwei Kinder und mit großem Freundeskreis. Sofort steigert sie sich in den Gedanken hinein, Witold ganz für sich allein zu haben. Dafür muss sie allerdings die ein oder andere Konkurrentin, inklusive seiner Ehefrau, aus dem Weg räumen. Wer Ingrid Nolls Romane kennt, weiß wie das aussieht: Die Handlung fließt friedlich vor sich hin und -zack- ist der Mord in einem Halbsatz passiert.

Vielleicht macht gerade das den Reiz aus. Rosemarie ist nämlich keine kaltblütige Mörderin, sondern nur eine einsame, wenn auch psychopathische Frau.

Der Hahn ist tot ist Ingrid Nolls Debütroman, in dem ihre verschrobenen Charaktere, der schwarze Humor und der unvergleichliche Zynismus bereits vorhanden sind. Es bleibt jedoch das Gefühl, sie übte noch für die nachfolgenden Werke. Denn im Vergleich zu Nolls Romanen „Kalt ist der Abendhauch„, „Ehrenwort“ und „Über Bord“ ist dieser hier nicht schlecht, bleibt aber doch ein bisschen farblos – wie Rosemarie.

Bildquelle: Diogenes Verlag AG

Rezension: Dashiell Hammett – Der Malteser Falke ***

Als mir eine Freundin ganz begeistert von der Berliner Krimibuchhandlung HAMMETT – benannt nach dem US-amerikanischen Kriminalautor Dashiell Hammett – erzählte, wollte ich wissen, ob die Huldigung berechtigt ist und las eines seiner berühmtesten Bücher „Der Malteser Falke“.

Wie bei Krimis üblich, kann man die Handlung ganz kurz zusammenfassen: Der Privatdetektiv Sam Spade wird von der attraktiven Klientin Brigid engagiert, da diese Angst vor einem Mann namens Floyd Thursby hat. Kurz darauf wird nicht nur Spades Partner, sondern auch Thursby tot aufgefunden. Als Spade der Sache auf den Grund geht, kommt er auf die Spur einer wertvollen Skulptur, dem Malteser Falken, hinter der einige Leute her sind.

Was sich nach einer spannenden Suche nach dem Vogel und detektivischer Mordermittlung anhört, verlor sich in sich ständig wiederholenden Beschreibungen. Gefühlt besteht der Text zur Hälfte aus Adjektiven, die detailliert die Mimik der Charaktere, wechselnde Augen- und Gesichtsfarben, Nacken, Schläfen, bis hin zu den Füßen beschreiben. Wie von einem Werk aus den 1930ern zu erwarten, fließt der Alkohol in Strömen und es wird geraucht, was das Zeug hält. Auch das Klischee des machohaften Detektivs, der mit jeder Frau ins Bett steigt, wird bedient.

Gefallen hat mir, dass es kein klassisches Gut und Böse gibt. Keiner der Beteiligten lässt sich in die Karten schauen und versucht seinen Vorteil herauszuschlagen. Süß fand ich, dass trotz aller Morde und der korrupten Protagonisten, die Worte leck mich am Arsch umschrieben wurden mit: „vier kurze, einsilbige Worte, deren letztes mit A anfing“.

Spannung kam bei mir leider gar nicht auf, was nicht nur an den häufigen Beschreibungen, sondern auch an den Kapitelüberschriften lag, die die Handlung oft vorweg nahmen.

Einen Besuch werde ich der Buchhandlung dennoch abstatten. Auch wenn Dashiell Hammett und ich wohl keine Freunde werden, hoffe ich auf eine gute Krimiauswahl.

Bildquelle: Diogenes Verlag AG