Rezension: Keigo Higashino – Heilige Mörderin ****

Wer genug von skandinavischen Krimis mit wortkargen, versoffenen Kommissaren in der Midlife-Crisis und amerikanischen alleinerziehenden Detectives hat, deren Ehe wegen des Arbeitspensums auf der Strecke geblieben ist, dem kann ich diesen japanischen Krimi wärmstens empfehlen. Hier erfährt man nichts über das Privatleben der Ermittler und statt Alkohol wird Tee serviert. Auch Blut und eine verstümmelte Leiche sucht man vergeblich.
Stattdessen wird der Unternehmer Yoshitaka mit Arsen vergiftet. Kurz zuvor hatte er verkündet, dass er die Scheidung einreicht, da seine Frau Ayane keine Kinder bekommen kann. Das Motiv und die Täterin sind also von Anfang an bekannt. Doch Ayane hat ein wasserdichtes Alibi: sie war zum Zeitpunkt des Mordes nicht in der Stadt.
Obwohl ich von der eiskalten Einstellung des Opfers entsetzt war, konnte ich kein Mitgefühl für die Ehefrau empfinden. Da hatten sich zwei vom gleichen Kaliber gefunden. Auch für das Ermittlerteam Inspektor Kusanagi und seine Assistentin Utsumi kamen bei mir keine Sympathien auf. Doch das machte für mich den Reiz des Buches aus. Mit seinen sparsamen Beschreibungen blieb alles sehr unpersönlich und wenig emotional – so auch die Charaktere, die um jeden Preis Haltung wahren und keine Schwäche zeigen durften.

Bildquelle: Klett-Cotta Verlag

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Rezension: Sebastian Fitzek – Das Paket ****

Es scheint, als wäre Sebastian Fitzek, nach zehn Jahren mit immer wilderen Verstrickungen in seinen Psychothrillern, wieder zu seinen Wurzeln zurückgekehrt. Wie schon im Jahr 2006 in „Die Therapie“ beschränkte er sich dieses Mal auf ganz wenige Handlungsorte und Protagonisten. Dafür ist die Story um die Psychiaterin Emma umso spannender. Schon als Kind litt sie unter Wahnvorstellungen. Als sie Jahre später in einem Berliner Hotel von einem gesuchten Serienmörder vergewaltigt wird und gerade noch entkommen kann, versinkt sie in tiefen Depressionen. Eines Tages gibt der Postbote ein Paket für einen Nachbarn, dessen Namen sie noch nie gehört hat, bei ihr ab. Ist der Mörder noch nicht fertig mit ihr oder ist die Krankheit aus Kindertagen wieder ausgebrochen?

Noch immer beherrscht Fitzek die hohe Kunst uns Lesern die Sicht zwischen Traum, Medikamenteneinfluss und Realität zu vernebeln. Immer wieder werden scheinbar belanglose Details erwähnt, um den Verdacht mal in die eine, mal in die andere Richtung zu lenken. Am Ende gibt es – wie üblich – eine riesige Kehrtwende.

Auch allen Skeptikern, die der Meinung sind, dass die letzten Thriller eher mittelmäßig waren, kann ich diesen Roman wieder guten Gewissens empfehlen.

Weitere von mir rezensierte Fitzek-Romane: Die TherapiePassagier 23Der Augensammler und Der Nachtwandler.

Bildquelle: www.sebastianfitzek.de

Ein Wochenende voller Anna Kareninas

Weil ich Leo Tolstois Anna Karenina liebe und immer wieder gern lese, habe ich mir an einem kalten, verregneten Wochenende vier Verfilmungen davon angeschaut. Das macht knapp 8 Stunden voller Liebe, Leidenschaft, Eifersucht und Dramatik in der russischen Adelsgesellschaft des 19. Jahrhunderts.

Die Älteste stammt aus dem Jahr 1935 mit Greta Garbo in Schwarz-Weiß. Es gibt viel russischen Gesang, was dem Film zum einen den passenden Schwermut verleiht, zum anderen spiegelt es die oberflächliche Freude der Oberschicht wider. Leidenschaft zwischen den Liebenden sucht man – der Zeit angemessen – vergeblich. Alles wird sehr subtil dargestellt. Auch die im Roman vorkommenden Nebenhandlungsstränge wurden auf ein Minimum reduziert.

In der zweiten Version von 1948 mit Vivian Leigh geht da schon eher die Post ab. Gleich in der Anfangsszene, als Anna Vronsky das erste Mal am Bahnhof sieht, knistert es zwischen den beiden. Als es zwischen ihnen schließlich zur Affäre kommt, versucht Anna gar nicht erst gegen ihre Gefühle anzukämpfen. Die Liebe zu ihrem Sohn hingegen scheint hier eine untergeordnete Rolle zu spielen. Kitty und Lewin, deren Geschichte ich in der Garbo-Version vermisst habe, sind hier wunderbar sympathisch und bilden ein süßes Paar.

Ein paar Jahrzehnte später, im Jahr 1997, kam die Verfilmung mit Sophie Marceau heraus. Hier mochte ich sofort die Detailverliebtheit. So werden zum Beispiel beim ersten Lesen der Bücher die Seiten aufgeschnitten. Auch emotional geht der Film aufs Ganze. Anne versucht ehrhaft und ihrem Mann treu zu sein. Als sie schließlich von Vronsky schwanger ist und dieser verlangt, dass sie sich von ihrem Mann trennt, befürchtet sie ihren Sohn Aljoscha nie wieder zu sehen und erleidet eine Fehlgeburt. So muss Anna die bittere Erfahrung machen, dass sie als Frau von nun an von der Gesellschaft ausgeschlossen wird. Ihr Bruder hingegen, der seine Frau ebenfalls betrog, erhält Absolution. Vronskys Mutter bringt es auf den Punkt: „Eine Affäre innerhalb der höchsten Kreise verleiht einem brillanten, jungen Mann den letzten Schliff.“

Die wohl eigensinnigste Verfilmung ist die aus dem Jahr 2012 mit Keira Knightley. Diese erinnert sehr an ein Theaterstück, bei dem das häufig wechselnde Bühnenbild und die Kostüme die Hauptrolle zu spielen scheinen. Das nimmt dem Ganzen leider etwas den ursprünglich ernsthaften Charakter. Schließlich geht es um den Untergang einer Frau, die ihren Gefühlen nachgab.

Insgesamt gibt es laut Wikipedia im Moment 13 Verfilmungen. Mein klarer Favorit ist die mit Sophie Marceau. Welche mögt ihr am liebsten?